2005 – Der Anfang unserer Tinten-Geschichte
Das Jahr 2005. Wir stehen vor einem Dilemma: Die auf dem Markt erhältlichen Digitaldrucktinten erfüllen nicht die Anforderungen unserer Projekte. Entweder fehlt es ihnen an Qualität oder an mechanischer Beständigkeit. Die Entscheidung fällt schnell – wenn es keine Lösung gibt, müssen wir sie selbst entwickeln!
Kühn? Definitiv. Die Entwicklung einer eigenen lösemittelbasierten Tinte bedeutete damals einen Start bei null. Chemische Fachliteratur, unzählige Laborversuche, zerstörte Geräte im Wert eines kleinen Vermögens. Doch das Ergebnis? Ein einzigartiges Produkt, das heute das Fundament der Drucktechnologie von Qwerty bildet.
Von der Bürodrucker-Testphase zur industriellen Erprobung
Die ersten Versuche begannen bescheiden – mit einem einfachen Epson-Bürodrucker. Dort testeten wir die grundlegenden Eigenschaften experimenteller Mischungen und beobachteten ihr Verhalten in der Praxis. Einfach, günstig, aber effektiv als Ausgangspunkt.
Der Durchbruch kam mit dem Kauf eines Mimaki JV3-Druckers mit Epson DX4-Druckköpfen. Damit konnten wir erstmals echte Industrieprüfungen durchführen – Haftung, Farbsättigung, Witterungsbeständigkeit und Tropfenstabilität testen. Aus einem Garagenexperiment wurde ein systematisches Entwicklungsprojekt.
Lösungsmittel, Harze, Pigmente – das Gleichgewicht der Komponenten
Die Herstellung einer Digitaldrucktinte gleicht einem Balanceakt – chemische und physikalische Abhängigkeiten müssen exakt aufeinander abgestimmt sein. Jeder Bestandteil erfüllt eine bestimmte Funktion, und schon kleinste Mengenänderungen können das Ergebnis zerstören.
Lösungsmittel bestimmen die Trocknungsgeschwindigkeit. Harze sorgen für Haftung und Abriebfestigkeit. Pigmente beeinflussen Farbechtheit, UV-Beständigkeit und chemische Resistenz. Dazu kommt die Rheologie – wie die Flüssigkeit durch mikroskopisch kleine Düsen fließt.
Die Anpassung all dieser Parameter an einen bestimmten Druckkopftyp erforderte nicht nur theoretische Analyse, sondern vor allem die Beobachtung des realen Tropfenverhaltens im Druckprozess – eine Kombination aus Chemie und Ingenieurskunst.
Versuch und Irrtum – Wissen um den Preis der Zerstörung
Das Testen unserer Tinte war kein angenehmes Abenteuer. Viele Druckköpfe überstanden die Experimente nicht – die Mischungen waren zu aggressiv oder nicht kompatibel mit ihrer Konstruktion. Jeder defekte Kopf bedeutete finanzielle Verluste und eine Rückkehr zur Rezepturanalyse.
Das Ausmaß? Der Wert der zerstörten Köpfe entsprach dem Preis eines hochwertigen Autos. Klingt nach Misserfolg – war aber unsere wertvollste Investition. Jeder Ausfall brachte neue Erkenntnisse über sichere Testmethoden und Systemkompatibilität.
Heute bildet dieses Wissen die Grundlage unserer Technologieentwicklung und ermöglicht es uns, neue Herausforderungen mit vollem Verständnis ihrer Grenzen anzugehen.
Ohne Vorbehandlung – weniger Schritte, mehr Effizienz
Der größte Vorteil unserer entwickelten Tinte ist, dass sie keine Vorbehandlung (Pre-Treating) erfordert. Sie haftet direkt auf PET-Folie und bietet hervorragende Haftung sowie Abrieb-, Biege-, Alkohol- und Reinigungsmittelbeständigkeit.
Ein enormer praktischer Vorteil. Der Wegfall zusätzlicher Schichten vereinfacht den gesamten Produktionsprozess und senkt die Kosten. Weniger Schritte bedeuten weniger mögliche Fehlerquellen und kürzere Produktionszeiten.
Die Entwicklung dieser Rezeptur erforderte modernste Ausstattung: Viskosimeter, Dispergatoren, Laborrührwerke, Filtersysteme und Teststationen zur Prüfung der Druckbeständigkeit. Der Prozess war eine Kombination aus Geduld, Beharrlichkeit und der Fähigkeit, aus jedem Versuch zu lernen – auch aus den gescheiterten.
Vom bloßen Beobachten zur präzisen Analyse
Anfangs beurteilten wir Drucke einfach visuell: Haftet der Druck? Sind die Farben gleichmäßig? Hält er dem Biegen stand? Doch bald stiegen die Anforderungen.
Unser Labor wurde mit modernen Geräten ausgestattet, darunter ein eigenes „Dropwatcher“-System. Dieses Hochgeschwindigkeitskamerasystem analysiert die Tropfenbildung in Echtzeit – Volumen, Form, Geschwindigkeit und mögliche Satellitentropfen.
So konnten wir die Tintenformel und ihre Eigenschaften gezielt optimieren. Das Ergebnis? Eine stabile lösemittelbasierte Tinte, die heute im industriellen Druck eingesetzt wird – überall dort, wo extreme Haltbarkeit gefragt ist.
Und was kommt als Nächstes? Weiße Tinte und neue Herausforderungen
Die Entwicklung der Lösungsmitteltinte war kein Endpunkt, sondern der Beginn neuer Innovationen. Derzeit arbeiten wir an neuen Formeln – unter anderem an weißer Tinte, die sich noch in der Optimierungsphase befindet. Weiß ist eine der größten Herausforderungen im Digitaldruck: Seine Pigmente neigen zur Sedimentation und zum Verstopfen der Düsen, was eine spezielle Rezeptur erfordert.
Mit unserem modernen Forschungszentrum, den richtigen Werkzeugen und konsequenter Prozessoptimierung entwickeln wir erfolgreich eigene Lösungen für den Digitaldruck. Was einst als Versuch mit einem Bürodrucker begann, ist heute ein vollwertiges Drucklabor – aber das ist eine andere Geschichte.
Wenn der Markt keine Lösung bietet – entwickle sie selbst!
Die Geschichte unserer Lösungsmitteltinte zeigt, wie Entschlossenheit zur technologischen Stärke wird. Durch die Verbindung von chemischem Know-how, praktischer Erfahrung und ingenieurtechnischer Präzision entstand ein Produkt, das überflüssige Produktionsschritte eliminiert und dennoch höchste Haltbarkeit gewährleistet.
Innovation im Digitaldruck entsteht nicht nur aus Markterwartungen, sondern oft aus dem Mut, eigene Wege zu gehen, wo es vorher keine gab. Manchmal kostet dieser Mut ein kleines Vermögen – doch das gewonnene Wissen ist unbezahlbar.